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gruppenausstellung:  muthesius preis 2012

Kunsthalle zu Kiel,  16.05.2012 - 28.05.2012

Vom 16. bis 28. Mai 2012 zeigte die Kunsthalle zu Kiel die für den Muthesius Preis 2012 nominierten Arbeiten. Aus 60 eingereichten Arbeiten aus den Feldern Kunst und Design, wählte die Jury die 20 Nominierten aus. Vergeben wurden jeweils Preise in den Kategorien Kunst und Design.
Für meine eingereichte Arbeit »Verflachungen — Ein dimensionales Modell« sprach die hochrangige internationale Jury eine lobende Erwähnung aus.


Details zu »Verflachungen — Ein dimensionales Modell«:
Im Rahmen meiner Master-Thesis beschäftige ich mich mit dem sogenannten 5-Stufen-Modell des Medientheoretikers und Philosophen Vilém Flusser. Der Inhalt dessen ist schnell erklärt. Flusser unterteilt die Kulturgeschichte des Menschen in fünf Stufen. Die erste Stufe stellt den Naturmenschen vor, der in einer vierdimensionalen Welt in unmittelbarem Kontakt mit der Natur und allem darin Vorhandenen steht. In der zweiten Stufe geht es um dreidimensionale Werkzeuge, die der Mensch erstmals für sich nutzt und somit in der Lage ist, seine Umwelt zu bearbeiten. Der Übergang zur dritten Stufe markiert die »Entdeckung« der Fläche. Werkzeuge werden für die Bildproduktion genutzt und der Mensch kann somit den Raum in etwas Zweidimensionales umwandeln. Von einem stetig zunehmendem Abstraktionsgrad zeugt die vierte Stufe. Der Mensch beginnt zu schreiben. Alles kann künftig zu einem lesbarem Code werden. Diese Entwicklung findet in der fünften, nulldimensionalen Stufe ihren Höhepunkt. Dort begegnen wir nur noch den sogenannten Technobildern, die durch Maschinen erzeugt werden. Die Geschichtsschreibung endet laut Flusser mit der fünften Stufe.

Entstanden sind zu diesem Modell schließlich fünf Bände und eine Website.
Das erste Buch besteht aus einer Kugel. Diese entsteht durch Kreise, die aus den einzelnen Seiten ausgeschnitten wurden. Schlägt man das Buch auf, ist die Kugel nie sichtbar. Dennoch weiß der Betrachter, dass sie vorhanden ist, da er sie im aufgeschlagenen Buch erahnen kann. Dieser Umstand trägt der Entwicklung der menschlichen Wahrnehmung Rechnung. Die Wahrnehmung ist insofern äußerst wichtig, als dass sie uns den Zugang zur Welt ermöglicht. Ebenso wie Flussers Modell ein Konstrukt ist, soll hier in Buchform für den Betrachter eine Natur konstruiert werden.
Die Kugel stellt in Buchform die unmittelbar wahrnehmbare Erfahrung des Betrachters dar. Das Buch ist die Welt, in die er »katapultiert« wird – wenn auch die Kugel nicht einfach stellvertretend für die unsere Welt steht (sie ist »einfach« ein geometrischer Körper, den der Mensch rekonstruieren kann). Er kann sie berühren, ansehen, ihre Tiefe ertasten und beginnen sie zu ordnen, damit er sie versteht. Er hat ein dreidimensionales Objekt vor sich, das später – so werden wir sehen – Zeugnis über die zunehmende Verflachung und Dimensionslosigkeit ablegen wird.
Ergänzt wird die Kugel durch eine »Ursuppe«, die einzelne Elemente der Website aus der 5. Stufe vorab zeigt. Die rund um die Kugel auftauchenden Punkte sind noch ungeordnet, verdeutlichen jedoch, dass die Voraussetzungen für unsere heutige Lebenswelt seit jeher vorhanden gewesen sind. Die Wahl der Punkte zur Darstellung geht direkt aus Flussers Theorie hervor. Nach dieser sei die Welt in »Punktelemente […] zerfallen«. Das betreffe das Bewusstsein, Gedanken, Wünsche und Werte. Um die Welt wieder fassbar zu machen, müsse man »die schwirrenden Punkte« zu Oberflächen ballen. Diese Theorie umfasst die Erklärung für die im ersten Buch als »Ursuppe« auftauchenden Punkte als auch für die Punkte, die auf der Website in der 5. Stufe sichtbar werden, wenn der Text markiert wird. Dort bilden sich erkennbare Oberflächen. Es entstehen Bilder. Das letzte auf der Website auftauchende Bild befindet sich auch im ersten Buch. Es ist dort lediglich über das gesamte Buch verteilt.

Die zweite Stufe ist nach Flussers Theorie dreidimensional. Das Thema der Dreidimensionalität wird unmittelbar durch 3-D-Bilder aufgegriffen. So werden kreisförmig angeordnete Gegenstände abgebildet und dem Leser zum Betrachten dieser ein Werkzeug an die Hand gegeben: Eine 3-D-Brille. Im Gegensatz zum ersten Band wird die Dreidimensionalität jedoch nur vorgetäuscht und bereitet den Gang in die Fläche vor. Es handelt sich hier – anders als in der ersten Stufe – also nicht um ertastbare Tiefe, sondern um hergestellte Tiefe auf der Wahrnehmungsebene.
Im dritten Buch geht es um zweidimensionale Bilder. Der Mensch geht in die Fläche. Im Gegensatz zur zweiten Stufe haben die Bilder in der dritten Stufe »keine Tiefe«, sie sind »nicht fassbar«. Dennoch kann man sie »begreifen«. Und nur dank dieses »Begreifen[s]« können schließlich lineare Texte entstehen. Nach Flusser gehe es dabei »um ein Übersetzen von Vorstellungen in Begriffe, um ein »Erklären« der Bilder, ein Zerfasern der Bildflächen zu Zeilen […] [und] um ein Abstrahieren der Höhe aus den Bildflächen, ein Reduzieren der Bilder auf die Eindimensionalität der Zeile«. Ziemlich exakt dies wurde versucht in Form eines ausschließlich Bilder enthaltenden Buches umzusetzen. Für die Darstellung des Sachverhaltes wurde ein Bison gewählt. Entscheidend für diese Wahl ist das von Flusser genannte Beispiel der Höhlenmalerei im Rahmen der Erläuterungen zur zweiten Stufe. Das Buch beginnt mit dem Bild einer leeren Höhlenwand in Altamira (Spanien). Diese beginnt sich langsam mit dem Bild eines Bisons zu füllen. Aus dem Bison auf der Wand wird langsam ein Foto und schließlich Text, der das Bild ersetzt und in Worten beschreibt, was ein Bison ist.

Spätestens in der vierten Stufe erschließt sich dem Betrachter die Arbeit. Gemäß Flussers Theorie geht es ausschließlich um Text, der beschreibend und erklärend wird. Der Inhalt des Buchs ist der theoretische Teil der Master-Thesis.
Die fünfte Stufe stellt für Flusser die 0-Dimensionalität dar. Vom heutigen Standpunkt aus gesehen sind wir dort jedoch noch nicht ganz angekommen. Aus dem Grund gibt es auch für die fünfte Stufe ein Objekt, das jedoch nur einen QR-Code enthält, der auf eine Website führt. Diese macht das Ziel deutlich: Immaterialität. Inhaltlich ist die Seite mit einer deutlich gekürzten Fassung des theoretischen Teils gefüllt. Auf der entstandenen Website werden Punktelemente durch das Markieren der Schrift in Form von Kästchen, die pixelartig die Schrift verdecken, gebildet. Sie werden zu einem technischen Bild, das jeder ganz leicht erzeugen kann.
Wie bereits oben erklärt, wirken die Punktelemente als das Letzte, was der Betrachter sieht zusammen mit dem ersten Band, in dem diese Punkte ungeordnet als »Ursuppe« auftauchen. Der Kreis (»die Kugel«) schließt sich.

Verflachungen — Ein dimensionales Modell Verflachungen — Ein dimensionales Modell Verflachungen — Ein dimensionales Modell